Kolumne || Podcast vs Hörbuch: Inspiration und Quälerei

by Marie-Theres Werner
MEIN VERHÄLTNIS ZU AUDIO-DATEIEN

Ich war noch nie ein großer Fan von Audio-Dateien – muss ich einfach ganz ehrlich zugeben. Lieder sind schön und gut, aber mit Hörbüchern konnte ich mich nie wirklich anfreunden. In einem Seminar an der Uni mussten wir einmal die Sherlock-Holmes-Reihe bearbeiten. Alle Folgen wurden ausschließlich als Audio-Dateien zur Verfügung gestellt und ich fühlte mich total verloren. Ich hatte mich zusammen gerissen und wirklich bemüht, den Worten des Erzählers zuzuhören, doch meine Gedanken wanderten immer in ganz andere Richtungen. Die ersten Sätze bekam ich noch mit, alles was danach kam war ein kompletter Filmriss – oder soll ich eher sagen Tonbandriss? Ich musste mir die Scripts im Internet herunterladen und sie selber lesen. Das hört sich für viele vielleicht umständlich an, aber für mich war dies der einzige Weg, um überhaupt irgendetwas von der Geschichte mitzubekommen. Jetzt versteht mich bloß nicht falsch: Ich bin eigentlich ein guter Zuhörer. Geschichten von meinen Mitmenschen folge ich unglaublich gern, doch es stört mich, wenn ich nicht nachhaken, Gedanken einwerfen oder meinen Gegenüber einmal kurz unterbrechen kann. Das sture Vor-sich-hin-Geplappere einer anderen Person ist für mich einfach fast unerträglich.

.

WIE EIN PODCAST ALLES VERÄNDERTE

Seitdem mache ich um Hörbücher und andere Formate, bei denen man streng zuhören muss, immer einen großen Bogen. Lieber setze ich mich selbst hin, schlage mich teilweise im Bus oder noch kurz vor den Uni Seminaren mit den Büchern herum, als das ich alle fünf Minuten die Audio-Datei noch einmal neu starten muss, weil ich schon wieder nicht aufgepasst habe.

Das sture Vor-sich-hin-Geplappere einer anderen Person ist für mich unerträglich. Deswegen besitze ich keine Hörbücher. Klick um zu Tweeten

Mit Armchair Expert änderte sich dann alles. Seit ich davon gehört hatte, dass Dax Shepard einen Podcast veröffentlicht, wusste ich, dass ich mich zusammenreißen muss. Für all diejenigen unter euch, die ihn nicht kennen: Dax Shepard ist der Ehemann von Kristen Bell, ein unglaublich witziger, sympathischer und einfach liebenswürdiger Kerl. Interviews mit ihm schaue ich mir wahnsinnig gern auf YouTube an, da man jedes Mal aus vollem Herzen und mit Tränen in den Augen lachen kann. Als er dann ein Format veröffentlichte, auf dem er andere sehr bekannte Promis, wie zum Beispiel Ellen DeGeneres, Lauren Graham oder Ashton Kutcher interviewt, wusste ich, dass ich es mir nicht entgehen lassen kann. Und so setzte ich mich an meinen Schreibtisch, startete die erste Folge und ich war erstaunt, wie einfach es war, seinen Gedanken zu folgen. Denn Dax Shepard führt keine monotonen Interviews; er unterhält sich vollkommen locker und entspannt mit seinen Gesprächspartnern, lässt hier und da mal ganz leger eine Frage durchblitzen und verbindet alles mit sehr viel Freundlichkeit und Humor. Seinen Unterhaltungen zu lauschen hat Spaß gemacht, die abwechselnden Stimmen zu hören war erfrischend und ich spürte nicht den Drang, dass ich aufpassen muss. Ich wollte wissen wie es weiter geht und das war für mich Neuland.  Somit war Dax der erste, der es schaffte, mich von Podcasts zu begeistern.

.

AUF DER SUCHE NACH LITERARISCHER INSPIRATION

Voller Begeisterung und neu entdecktem Tatendrang stürzte ich mich dann also auf den iTunes Store. Ich wollte sehen, was für interessante Sachen, von denen ich bisher nichts wusste, noch so da draußen schlummerten. Und ich wurde fündig.
Da ich mich selbst gerade in einem Studium befinde, das mich auf die Arbeit in einem Verlag vorbereitet, haben es mir die Bücher-Podcasts ganz besonders angetan – wie sollte es anders sein? Viel zu selten habe ich es geschafft, bei einem Autor mal hinter die Kulissen zu schauen. Ich lese sein Buch, erfahre das ein oder andere über seine Gedankenwelt, doch wirkliche persönliche Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans habe ich nie erhalten. Klar, man hätte sich durch YouTube klicken können, aber je tiefer ich in die digitale Welt eintauche, desto weiter entferne ich mich von meinem eigentlichen Suchwunsch und lande nach langer Zeit immer nur bei Videos, die mir beibringen, wie ich mich mit einer Giraffen verständigen kann – ihr kennt das.

Podcasts sind ein guter Weg, um sich langsam an Hörbücher heranzuwagen. Klick um zu Tweeten

Dann fand ich den Lübbe Audio-Podcast, der so ziemlich alle meine Herzensangelegenheiten beinhaltete. Hier findet man Interviews mit Autoren, Literaturübersetzern und Hörbuchsprechern. Man bekommt einen Einblick in ihre Arbeit, sie erklären bestimmte Vorgehensweisen und bringen dem Zuhörer ihre fiktionalen Texte näher. Außerdem sind die Gespräche nie zu lang: Manche gehen nur zehn Minuten, andere eine knappe Stunde, doch vor lauter Begeisterung merkt man gar nicht wie die Zeit verfliegt.
Das Literaturcafé gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Dieser Podcast geht über Interviews hinaus und stellt regelmäßig neue Kurzgeschichten und Gedichte vor. Des Weiteren kann man hier unter anderem die Leipziger Buchmesse verfolgen. Doch was mir am besten gefällt sind die Schreibtips, die die Profis an das Publikum weitergeben: gegenwärtiges Erzählen, Probleme beim Präsens, autobiografisches Erzählen und das narrative Subjekt stehen hier zum Beispiel im Fokus. Die Themen dieser Podcasts decken also nicht nur meine persönlichen Interessen ab, sondern sie dienen auch als Inspirationsquelle und teilweise neues Futter für meinen Blog – eine Win-Win-Situation!

Empfehlungen für Englisch-Könner
Wer sich gern berieseln lässt und Kurzgeschichten lauscht, der sollte in den Podcast von The New Yorker: The Writer’s Voice hineinhören. Hier werden immer dienstags die neuesten Short Stories von New Yorker Autoren vorgestellt. Für Rezensionen, Autoreninterviews und Einblicke in die modernsten Schreibtechniken darf der Guardian Books Podcast in eurer Mediathek nicht fehlen.
AUDIO-DATEIEN & ICH: EINE HASSLIEBE

Täglich sitze ich nun vor meinem PC und schalte die Podcasts ein. Für Bücher konnte man mich ja schon immer begeistern, doch endlich schaffe ich es auch mal, mich auf mein Sofa zu legen und nur den Worten einer fremden Person zu folgen. Ich lerne neue Dinge über die Literaturwelt (Welches Buch ist gerade angesagt?), bekomme Vorschläge, die ich in meinem Studium verwenden kann mit auf den Weg und kann dem aktuellen Klatsch und Tratsch rund um Bücher und Geschichten ganz entspannt folgen.

Audio-Dateien und ich sind mittlerweile Freunde. Ich habe sie und ihre Wichtigkeit akzeptiert, doch an ein komplettes Hörbuch traue ich mich immer noch nicht heran. Sogar einige Episoden von Armchair Expert muss ich noch unterbrechen, da es mir schwer fällt, die kompletten zwei Stunden konzentriert zuzuhören. Doch letztendlich sind es Gespräche und Diskussionen, die meine Aufmerksamkeit gewinnen und nicht die monotone Stimme eines Geschichtenerzählers. Aber hey, Dax Shepard ist an der „menschlichen Unordnung“ – den Fehlern, Ecken und Kanten jedes einzelnen – interessiert und nur für ihn gebe ich offen zu: Ich werde wahrscheinlich nie ein Hörbuch auf meinem iPod besitzen und ich denke, das ist okay.

12 comments

Josia Jourdan 22. April 2018 - 22:52

Ich bin schon immer ein grosser Hörbuchfan gewesen und besonders zur Zeit, wo ich viel in der Schule zu tun habe, mag ich es am Abend mir Zeit zum Hören zu nehmen. Es entspannt und ich muss nur zuhören.
Podcasts höre ich auch gerne, aber wie Blogs habe ich auch da das Problem die richtigen zu finden. Den Lübbe Podcast mag ich auch sehr gerne. Ebenfalls ein Favorit ist der Podcast der lieben Lunatic.booklover
Toller Beitrag! Fände eine Liste mit deinen Top Podcasts ziemlich Spannend…
Liebe Grüsse aus der Schweiz
Josia

Reply
Marie-Theres Werner 22. April 2018 - 23:11

Hallo Josia,
vielen lieben Dank für deinen Kommentar und den Tipp mit dem lunatic.booklover Podcast – den kannte ich noch nicht 🙂
Deinen Wunsch, eine Liste meiner Top-Podcasts zu lesen, behalte ich im Auge. Danke für den Vorschlag!
Hab noch einen schönen Abend. Liebe Grüße!

Reply
Silverli 18. April 2018 - 0:43

Mir ging es beim Hörbuch hören zu Beginn wie dir. Meine Gedanken schweiften ab und ich verlor den Faden. Inzwischen weiss ich, das man „Hörbuch hören“ erst lernen muss. Man muss lernen, die abschweifenden Gedanken nicht zuzulassen und konzentriert zuhören. Aber das ist wirklich auch abhängig von der Specher(innen)stimme. Manchen Simmen mag ich einfach nicht hören.

Reply
Marie-Theres Werner 18. April 2018 - 7:34

Ich bin ja beruhigt, dass es anderen genauso geht. Vielleicht nehme ich mir irgendwann mal die Zeit, und wage einen Neustart mit den Hörbüchern…

Reply
Silverli 18. April 2018 - 18:16

Darf ich dir einen Tip geben??

„Fräulein Else“ von Arthur Schnitzer, gelesen von Senta Berger. Sie liest es nicht, sie spielt es!

Reply
Marie-Theres Werner 18. April 2018 - 18:17

Merke ich mir 😉 Danke!

Reply
Eleonore Laubenstein 17. April 2018 - 23:20

Hallo Marie,
sehr interessanter Beitrag, bei mir ist es seltsamerweise genau umgekehrt: Ich habe mich noch nicht wirklich mit Podcasts anfreunden können, aber vielleicht werden deine Links es ja ändern – sie klingen auf jeden Fall sehr spannend.
Ich kann aber gut nachvollziehen, warum du mit Audiobooks auf Kriegsfuß stehst. Ich glaube, der Trick ist, etwas dabei zu machen. Wenn ich beispielsweise Kostüme nähen, Bilder zeichnen oder sonst etwas Kreatives machen muss, von dem ich weiß, dass es mehrere Stunden in Anspruch nimmt, finde ich Hörbücher absolut genial! Die Hauptaufmerksamkeit liegt dann beim Tun, nicht beim Hören, und das fertige Produkt ruft dann immer die Erinnerungen an das Gehörte in einem wach 🙂 man ist nicht 4 Std oder so konzentrierter, immer hibbeliger werdender Zuhörer, sondern kann sich (zmd ist das bei mir der Fall) seltsamerweise besser auf die Story konzentrieren, als wenn man nichts dabei macht. Vll hast du mal in der Schule oder Uni gemalt oder gestrickt oder so? Bestes Mittel, um sich alles viel besser zu merken, was gesagt wurde …
Ganz liebe Grüße,
Eleonore

Reply
Marie-Theres Werner 18. April 2018 - 7:52

Hallo Eleonore,
vielen lieben Dank für den Tipp. Ich denke, ich werde das mal ausprobieren. Ich hatte schon einmal überlegt während des Autofahrens ein Hörbuch einzulegen, aber ich befürchte, dass ich mich viel mehr auf den Verkehr konzentrieren würde, als auf das eigentliche Zuhören. Vielleicht suche ich mir erstmal eine kleinere Beschäftigung, die nicht ganz so viel Konzentration abverlangt. Und vielleicht werden Hörbücher und ich doch noch Freunde … dann schreibe ich nochmal einen neuen Beitrag 😀
Liebe Grüße!

Reply
Marianne Weissberg 17. April 2018 - 9:20

Dankeschön für die tollen Links. Persönlich mag ich amerikanische Hörbücher, weil die meist sehr professionell gestaltet und gelesen sind. Wie eine Theateraufführung für die Ohren.

Reply
Marie-Theres Werner 17. April 2018 - 9:21

Amerikanische Hörbücher hatte ich bisher noch nicht. Vielleicht sollte ich das einmal versuchen …

Reply
Damaris Trompell 17. April 2018 - 7:45

Ich kann mit Hörbüchern auch absolut nichts anfangen. Entweder lese ich oder gucke einen Film, aber Hörbücher finde ich einfach viel zu langweilig. Keine Ahnung, ob ich mich mal mit Podcasts anfreunden werde. Versucht habe ich es noch nicht.
Liebe Grüße

Reply

Leave a Comment

Damit du diese Website im vollen Umfang nutzen kannst, verwende ich Cookies. Mehr Infos dazu findest du in der Datenschutzerklärung. Okay Datenschutz