Kolumne || Gastbeitrag: Stern Crime – Zwischen Schrecken und Faszination

by Marie-Theres Werner
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Das Magazin Stern Crime behandelt wahre Verbrechen und zeigt Krimi-Fans vor allem eines: Die Realität ist erschreckender als jede Fiktion.

Das Böse lauert überall! Nicht nur Krimi-Romane finden heutzutage großen Absatz, auch Serien, Filme und Podcasts erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. 2015 hat sich ein weiteres Medium dazu gesellt und versorgt die Leser seitdem mit frischen Kriminalfällen: das Print-Magazin Stern Crime. Doch im Gegensatz zu einem Großteil der Krimi-Literatur behandelt das Magazin ausschließlich wahre Verbrechen, erzählt diese nach und ordnet sie gesellschaftlich ein.

STERN CRIME TRITT IN GROSSE FUSSSTAPFEN

Kriminalgeschichten gibt es bereits sehr lange. Die Sherlock Holmes Romane beispielsweise erschienen schon Ende des 19. Jahrhunderts und erlangten schnell Weltruhm. Die Faszination für Kriminalfälle ebbte seitdem zwar nie richtig ab, hatte aber immer mal wieder Hochphasen.

So wie jetzt. Der aktuelle Hype, in dem wir uns noch immer befinden, startete ungefähr 2014 mit dem Podcast Serial in den USA. Dieser behandelte verschiedene Aspekte eines ungeklärten Kriminalfalls. 2015 packte dann Netflix die Doku-Serie Making a Murderer auf seine Streaming-Plattform und befeuerte damit eine Diskussion über das US-amerikanische Justizsystem. Seitdem tauchen immer mehr Bücher, Serien, Filme und Podcasts auf der Krimi-Bühne auf. Und mitten zwischen ihnen bahnte sich dann Stern Crime seinen Weg.

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ALS ICH DAS MAGAZIN IN DEN HÄNDEN HIELT

Ich selber entdeckte das Heft ganz klassisch am Kiosk, da es mir durch seine Aufmachung direkt ins Auge fiel. Eine klare Bildsprache und das schicke Layout sorgten dafür, dass ich es sofort in die Hand nahm und anfing zu blättern. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Was konnte Stern Crime anderes bieten als Bücher und Co.?

Man könnte meinen, dass ich als alter Fan der Sendung Autopsie alleine schon davon angetan wäre, dass Stern Crime ausschließlich wahre Verbrechen behandelt. Doch meine eigentliche Begeisterung für das Magazin gründet auf einer ganz pragmatischen Sache: Ich finde leider nicht sehr viel Zeit zum Lesen. Lediglich während meines Arbeitsweges habe ich ein bisschen Zeit dafür. Da dieser aber nicht besonders lang ist, füllen die kompakten, aber dennoch ausführlichen Artikel von Stern Crime diese Lücke hervorragend aus. Ein Roman würde dies zwar auch tun, allerdings müsste ich das Lesen immer wieder unterbrechen und bräuchte daher viel länger, bis ich eine Geschichte beendet hätte.

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DAS STERN CRIME COVER

Die Cover von Stern Crime: Minimalismus gepaart mit treffsicheren Titeln.
Screenshot aboshop.stern.de: Basti Barsch

Hauptberuflich arbeite ich als Redakteur für ein Foto-Magazin. Dieser Beruf bringt mit sich, dass ich sehr auf visuelle Aspekte achte und weiß, worauf es bei einem guten Bild und einem guten Layout ankommt. Auch aus diesen Gründen fiel mir das Heft am Kiosk sofort auf.

Doch beginnen wir da, wo jedes Heft beginnt: auf dem Cover. Auf dem ersten Blick besticht Stern Crime vor allem durch einen modernen Minimalismus. Ein großes Bild und eine große Überschrift prangen in der Mitte und präsentieren die Titelstory der Ausgabe. Auffällig dabei: Die Überschrift ist selten mehr als ein einzelnes Schlagwort. In der aktuellen Ausgabe Nummer 26 schreit einem das Cover lediglich das Wort „Engel“ in großen Lettern entgegen. Erst der Vorspann daneben – auch Teaser genannt – erklärt oberflächlich, worum es in dem Fall geht. Dabei zeigt die Redaktion ein besonderes, sprachliches Geschick, wie die aktuelle Ausgabe zeigt:

Man fand sie im Wald. Keiner wusste, wer sie war. Und dass sie nicht allein starb.

Diese drei kurzen Sätze haben es in sich. Der erste umschreibt den Tatort: den Wald, den viele Kulturen als gefährlich und gruselig betrachten. Der zweite gibt das Problem der Polizei an: Die Identität des Opfers ist unbekannt, was ein Albtraum für jeden Ermittler ist. Und der letzte pointiert die Situation: Es wird alles noch viel schlimmer, als erwartet.

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DIE THEMENVIELFALT

Wer hier noch nicht sofort das Heft aufreißt und zu lesen beginnt, für den hält das Cover noch weitere Infos parat. Vom linken Rand schiebt sich ein signal-rotes Banner ins Bild, kündigt drei weitere Themen des Heftes an und lässt dem Coverfoto dennoch genügend Luft zum Atmen. Die kurzen Beschreibungen dort funktionieren wie der Haupttitel: Beschreibung der Situation, Pointe.

Morden ist leicht. Wenn man weiß, wohin mit der Leiche.

Kleiner Fun Fact: Die wichtigsten Informationen sowie das Logo auf einem Cover werden zumeist am linken Rand positioniert. Warum? In vielen Verkaufsregalen reihen die Mitarbeiter die Magazine von links nach rechts. Dabei überlappen sich die Hefte zum Großteil, sodass nur noch die linke Seite des Titelblatts freiliegt. Wer also auf sein Magazin aufmerksam machen möchte, muss die wichtigsten Fakten am linken Rand platzieren.

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DER INHALT

Stern Crime bietet eine breite Palette an Themen in jeder Ausgabe.
Screenshot aboshop.stern.de: Basti Barsch

Wer nun in das Magazin hineinblättert, den erwarten 136 Seiten feinste Unterhaltung. Dabei lässt einen das Heft immer zwischen Faszination, Spannung und Unwohlsein hin und her pendeln. Denn die Artikel sind gut geschrieben, sodass man gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören möchte. Gleichzeitig haben es aber die Fälle ganz schön in sich, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um wahre Verbrechen handelt. Wobei die deutschen Fälle natürlich die größte Zugkraft entfalten. Unweigerlich stellen wir uns die Frage: Was wäre, wenn mir sowas passieren würde? Eigentlich möchten wir gar nicht daran denken und dennoch lesen wir fasziniert weiter und tauchen immer tiefer ab – in die dunklen Abgründe des menschlichen Wesens.

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DIE FORMATE

Der erste Artikel ist zumeist ein Essay. In der aktuellen Ausgabe Nr. 26 schreibt Stern-Reporterin Kerstin Herrnkind über die Fehlentscheidungen von Richtern.
Screenshot aboshop.stern.de: Basti Barsch

Auch in Sachen unterschiedliche Formate präsentiert das Magazin eine große Bandbreite. So steigt Stern Crime traditionell mit einem Essay ein, es gibt Fotostrecken zum Beispiel aus Asservatenkammern und regelmäßig berichten Polizisten aus anderen Ländern über ihren Arbeitsalltag.

Doch die eigentliche Stärke des Magazins sind zweifelsohne die Artikel, die konkrete Verbrechen nacherzählen. Denn sie lesen sich wie Krimikurzgeschichten, deren Fälle – im Gegensatz zu einem klassischen Roman – auf ihre Essenz verdichtet wurden. Das mag für manchen wie eine Einschränkung klingen, ist aber eine spannende Erzählform. Hier gibt es keinen Platz zum Schwadronieren, hier gibt eine punktgenaue Geschichte. Damit beweisen die Autoren, dass sie ihr Handwerk verstehen. Sie berichten von vergangenen Verbrechen, die teils aufgeklärt wurden, teils noch nicht. Auch reichen die oft Jahrzehnte bis zu den Anfängen des modernen Polizeiwesens zurück.

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IST DAS SCHON FIKTION?

Ein berühmtes Beispiel: In der Ausgabe 10/2016 gibt es einen langen Artikel über Henry Howard Holmes der Ende des 19. Jahrhunderts ein Hotel in eine Todesfalle umformte. Doppelte Wände, Falltüren, sogar ein Ofen zum Verbrennen der Leichen baute der Serienmörder ein und tötete so über einen kurzen Zeitraum dutzende Menschen. Wie viele es letztendlich waren, konnte nachträglich nicht einmal mehr ermittelt werden, aber die höchsten Schätzungen gehen von 200 Opfern aus.

Wenn man das liest, kann man kaum glauben, dass es sich hierbei um ein wahres Verbrechen handelt. Ein Serienmörder baut ein Todeslabyrinth? Die Geschichte hätte auch aus einem Horrorfilm stammen können – tut sie aber nicht. Ganz im Gegenteil: Die Realität ist hier so schrecklich, dass sie zur Fiktion werden soll: Denn Leonardo DiCaprio möchte gemeinsam mit Martin Scorsese aus dem Stoff eine Serie machen.

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DAS DESIGN

Ganzseitige Bilder sind keine Seltenheit in Stern Crime und lockern das Layout auf.
Screenshot aboshop.stern.de: Basti Barsch

Der letzte Aspekt, der mir an Stern Crime mehr als gut gefällt, ist das Design. Denn ein Magazin lebt auch von seinen Bildern, die mit dem Text im Einklang stehen müssen. Und das gelingt ihr. Stern Crime kleidet sich in einem modernen Gewand, mit großen Bildern und sinnvoll eingesetzten Weißflächen. Dadurch wirken die Seiten luftig und auch über mehrere Blätter hinweg abwechslungsreich.

Bei der Bildauswahl setzt die Redaktion vor allem auf zwei Varianten: Zum einen zieren künstlerische Aufnahmen die Seiten, zum anderen befinden sich zwischen den Spalten immer wieder echte Tatort- und Familienfotos – sowohl der Opfer und als auch der Täter. Da die Fälle meistens weiter zurück liegen, wurden solche Aufnahmen analog und oft mit Blitzlicht gemacht und erinnern stark an Familienfotos der eigenen Eltern. Und seien wir ehrlich: Solche Fotos wirken nicht nur wegen Papas Vokuhila befremdlich. Die schlechte Belichtung, das harte Blitzlicht und die blassen, verwaschenen Farben sorgen für einen „dreckigen“ Look, der die Gesamtstimmung des Hefts noch einmal deutlich unterstreicht.

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FAZIT ZU STERN CRIME: EIN ZEITLOSER KLASSIKER

Stern Crime gibt es im Online-Shop des Sterns in drei unterschiedlichen Varianten: als Einzelheft, als digitales Einzelheft und Einzelheft mit Film-DVD. Sammler können sich dort auch einen passendes Schuber bestellen.
Screenshot aboshop.stern.de: Basti Barsch

Ihr merkt schon, über Stern Crime lässt sich so einiges erzählen. Alleine über eine einzelne Ausgabe könnte ich stundenlang reden und insgesamt gibt es schon 26 Stück der im Zwei-Monats-Takt erscheinenden Zeitschrift. In Zeiten, in denen Verlage ihren schwindenden Auflagen nachtrauern, ist das ein sehr großer Erfolg, den sich Stern Crime und die Redaktion dahinter auch verdient haben. Sie haben einen zeitlosen Klassiker geschaffen, der durch Design, Akribie, kaum Werbung und spannenden Geschichten überzeugt. Und da das Magazin selten aktuelle Fälle behandelt, ist es für Krimi-Fans überhaupt kein Problem, die alten Ausgaben nachzuholen.

Quelle: Basti Barsch

Basti Barsch lebt in München und arbeitet als leitender Redakteur bei einem Fotomagazin. Der Journalist studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und kann seitdem nie ohne literarischen Geschichten sein – sei es Bücher, Filme oder auch Podcasts. Neben seiner Arbeit als Redakteur schreibt er Kurzgeschichten auf Twitter und widmet sich immer wieder freien Projekten, die er auf seinem Blog sammelt.

Twitter: @BastiBarsch

Blog: www.basti-barsch.de

7 comments

Yvonne 16. Oktober 2019 - 7:43

Liebe Marie,
das ist ja mal ein interessanter Gastbeitrag von Basti! Tolles Thema. Wahnsinn, Making a Murderer gibt es schon seit 2015 und ich bin immer noch nicht dazu gekommen, es anzuschauen. Aber es ist ja inhaltlich auch nicht gerade leichte Kost und dann geht eine Folge auch ein bisschen länger…hach ja. Aber sie steht auf meiner watchlist und ich habe nicht vor, sie da noch fünf Jahre lang verstauben zu lassen. 😀 Bin auf alle Fälle sehr gespannt!
Die Zeitschrift habe ich auch schon mal gesehen, war aber bisher zu geizig, sie mir mitzunehmen und in meiner Heimatstadt gibt es sowieso keinen vernünftigen Zeitschriften oder Buchladen, dann vergesse ich sie wieder.
Oh, an Henry Howard Holmes erinnere ich mich sogar noch! Der wurde in der Serie Timeless auch mal thematisiert, wirklich gruselig.
Also wirklich ein spannender Artikel! Werde mir die Zeitschrift sicherlich mal holen und etappenweise lesen, nur nicht vorm schlafen gehen.
Liebe Grüße
Yvonne 🙂

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Zeilentänzer 12. Oktober 2019 - 21:00

Ich lese das Magazin sehr regelmäßig und gerne, sodass ich mich über den Beitrag besonders freute!

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Marie-Theres Werner 13. Oktober 2019 - 16:09

Das freut mich wirklich sehr! Ich nehme das Magazin auch gern in die Hand 🙂

Reply
Nadine 12. Oktober 2019 - 18:52

Ein interessanter Beitrag, ich habe bisher von dem Magazin nichts gehört, daher war es spannend zu Lesen, die Aufmachung sieht auch ansprechend aus. Ob es allerdings etwas für mich ist, weiß ich nicht. Ich habe schon Probleme mir Akte XY anzuschauen und dann von wahren Fällen zu lesen, ich weiß nicht. Ich glaube, ich bleibe dann doch lieber in fiktiven Welten, Brutalität in Filmen mag ich auch lieber wenn sie abstrakt und überzeichnet sind – unrealistisch. Realistische Sachen hingegen, jagen mir ein Schaudern über den Rücken.

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Marie-Theres Werner 13. Oktober 2019 - 16:08

Liebe Nadine,
da kann ich dich vollkommen verstehen. Bei fiktiven Geschichten kann man immer eine gewisse Distanz bewahren und sie daher auch anders verarbeiten. Ich persönlich bin ein großer Fan des Stern Crime Magazins, aber das ist natürlich immer Geschmacksache! 🙂
Liebe Grüße
Marie

Reply
René 10. Oktober 2019 - 12:23

Hallo Marie,
ein schöner und vor allem abwechslungsreicher Gastbeitrag. Wenn ich das nächste Mal unterwegs bin, muss ich mir mal eine Ausgabe Stern Crime kaufen.

Liebe Grüße
René

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Marie-Theres Werner 13. Oktober 2019 - 16:06

Hey René,

es freut mich, dass dir der Beitrag gefällt und bin gespannt, was du zu dem Magazin sagen wirst! 🙂

Liebe Grüße

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