Kolumne || Willkommen im „Simon-versum“: Eine Geschichte kämpft sich nach ganz oben

by Marie-Theres Werner

Simon ist schwul, doch das soll keiner wissen. Noch nicht. Irgendwann wird er bereit sein, es seinen Eltern und Freunden zu erzählen, doch bis dahin sucht er nach Unterstützung im Internet. Auf einer Community-Website seiner High School lernt er Blue kennen und ist schnell von dem Unbekannten begeistert, denn er teilt Simons Geheimnis. Über Wochen hinweg stehen die beiden in regem Kontakt, flirten und vertrauen sich einander an. Doch eines Tages werden ihre E-Mails veröffentlicht. Nun ist es raus. Jeder weiß Bescheid. Am Anfang verlief alles in Simons eigenem Tempo, er konnte selbst entscheiden, wann er dazu bereit ist, seine Gefühlswelt offenzulegen. Aber jetzt hat ihm ein Fremder diese Möglichkeit genommen und noch dazu Simons Beziehungen zu seinen Freunden, Eltern und Blue auf die Probe gestellt.

Erscheinungstermin: 26.02.2016
Seiten: 320
ISBN: 978-3-551-55609-7
Autorin: Becky Albertalli
Originaltitel: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda
Übersetzer: Ingo Herzke
Preis: 16,99€ (Hardcover), 8,99€ (E-Book), 10€ (Hörbuch)

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Nur drei Worte erschien im Jahr 2016 im Carlsen Verlag und ist der Debütroman der US-amerikanischen Schriftstellerin Becky Albertalli. Die ehemalige Psychologin entschied sich nach der Geburt ihres ersten Sohnes für einen Tapetenwechsel und widmete sich von da an dem Schreiben. Durch ihre jahrelange Arbeitserfahrung mit Kindern und Jugendlichen und ihre Tätigkeit in einer Selbsthilfegruppe für Menschen ohne genaue Geschlechtsidentität, scheint es fast als fiele es ihr leicht, sich in den Kopf eines sechzehnjährigen, schwulen Teenagers hineinzuversetzen. Doch dem war nicht so. Außer einigen Kurzgeschichten, die sie während ihrer Schulzeit verfasste, fehlten ihr sämtliche Kenntnisse im Bücherschreiben. Immer wieder wurde ihr geraten, sich keine großen Hoffnungen zu machen, denn viele Projekte schaffen es nicht über einen ersten Entwurf hinaus. Albertalli blieb jedoch hartnäckig; sie war von ihrer Idee überzeugt. Als der Roman dann im Jahr 2015 bei HarperCollins in den USA und beim Penguin Verlag in Großbritannien erschien, blieb der große Erfolg, wie die Schriftstellerin erwartete, aus. Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, so der Originaltitel, war lange ein betriebsinterner Liebling und schaffte es nicht durch die Verlagstüren in die große weite Welt. Mit Hilfe von Bloggern und Testlesern wurde das Jugendbuch unter die Leute gebracht und trotzdem verbreitete sich Simons Geschichte nur ganz langsam. Umso überraschender ist es, dass nur drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans eine Verfilmung in die Kinos kam. Neben Golden-Globe-Preisträgerin Jennifer Garner sind ebenfalls Josh Duhamel und Nick Robinson in Love, Simon zu sehen. Doch wie kann es sein, dass ein Buch mit so wenig Aufmerksamkeit wahre Hollywood-Größen begeistert?

„Nur drei Worte“-Autorin Becky Albertalli entschied sich nach der Geburt ihres ersten Sohnes, Schriftstellerin zu werden. Dabei fehlten ihr sämtliche Kenntnisse im Bücherschreiben. Klick um zu Tweeten

Jugendromane fokussieren niemals auf ein Genre, die Geschichten sind hier vielfältig: es gibt Romanzen, Dystopien, aber auch Fantasy-Erzählungen. Während jedes Jahr mehrere Jugendbücher in unterschiedlichen Genres erscheinen, gibt es allerdings Phasen, in denen eine Gattung bevorzugt gelesen wird. In den Jahren 2014 bis 2016 waren dies Dystopien: Die Tribute von Panem, Die Bestimmung und Maze Runner bekamen von Bloggern und Medienunternehmen die meiste Aufmerksamkeit. Da konnte eine kleine Liebesgeschichte wie die von Simon einfach nicht mithalten und fiel unter den Radar. In den letzten zwei Jahren hat sich dies jedoch geändert und momentan steht die Gegenwartsliteratur im Fokus. Vor allem Geschichten, die sozialkritische Themen behandeln, haben sich zu einem Trend entwickelt. Dazu gehören Jugendromane wie The Hate U Give, die von Rassismus handeln, To All the Boys I’ve Loved Before, in dem erstmals eine Asiatin die Hauptrolle spielt und gleichgeschlechtige Liebesgeschichten wie Call Me by Your Name und Nur drei Worte. 2015, kurz nach Erscheinen von Becky Albertallis Jugendroman, konnte Simon nur begrenzt bei einem Publikum punkten und schaffte es nicht einmal auf die New York Times Bestseller Liste. Im Jahr 2017 sah die Welt allerdings ganz anders aus, denn die Autorin gewann für ihr Debüt den Deutschen Jugendliteraturpreis und wegen des immer größer werdenden Interesses an den sogenannten Coming-of-Age-Romanen, wurden auch Produzenten und Regisseure auf das Werk aufmerksam. Doch es ist nicht nur das Genre, durch das Albertallis Roman den Sprung auf die Leinwand schaffte; es ist vor allem die Darstellung ihres Hauptcharakters und seine Geschichte, die sich langsam aber sicher einen Platz in den Herzen der Leser sicherten.

Simon scheint ein normaler Jugendlicher zu sein: Er kämpft sich durch den Alltag der High School, probiert sich in der Liebe und hütet das ein oder andere Geheimnis. Doch das Besondere an dem Sechzehnjährigen ist nicht, dass er ein außergewöhnliches Leben führt, sondern dass sich die Leser von Nur drei Worte mit ihm identifizieren können und sich verstanden fühlen. Mit ihrem Roman zeigt Becky Albertalli, dass jede kleine Geschichte es wert ist, gehört und erzählt zu werden – es muss nicht immer ein gewaltiger Blockbuster daraus werden. Darüber hinaus werden wichtige, gesellschaftliche Themen angesprochen und hinterfragt: Warum ist Heterosexualität die Norm? Warum müssen sich ausgerechnet Schwule und Lesben einem Leben voll Minderwertigkeit und Missbilligung stellen? Warum ist es bei der Hautfarbe wie bei der Sexualität – hellhäutige Menschen sind der Standard, alles andere eine Ausnahme? All dies sind Aspekte, die nicht erst seit gestern besprochen werden. Rund um den Globus werden nach und nach die Rechte der LGBTQ-Community angepasst, doch der Weg zur Gleichberechtigung ist noch weit. Nur drei Worte ist nicht das erste Buch, das die Ungleichheit und mangelnde Anerkennung zwischen Homo- und Heterosexuellen thematisiert, gab es doch vorher schon Geschichten wie Brokeback Mountain. Doch Becky Albertalli entschied sich bewusst dafür, diese Streitpunkte noch einmal anzusprechen, um zu zeigen, dass sich auch im 21. Jahrhundert – eine Zeit, die so fortgeschritten scheint – Menschen vor ihrer wahren Identität verstecken müssen.

Mit ihrem Roman zeigt Becky Albertalli, dass jede kleine Geschichte es wert ist, gehört und erzählt zu werden – es muss nicht immer ein gewaltiger Blockbuster daraus werden. Klick um zu Tweeten

Nachdem Simons Geschichte zwei Jahre nach der Veröffentlichung durch die Decke ging und sich immer mehr Teenager und junge Erwachsene von ihm verstanden fühlten, entschieden sich Produzenten und Drehbuchautoren dazu, diese zu verfilmen. Mit dem Film wurde ein breiteres Publikum angesprochen, denn auch Lesemuffel sollten von Simon erfahren und sich von seiner Geschichte inspirieren lassen. Während also A-Promis wie Jennifer Garner und Josh Duhamel unter Vertrag genommen wurden, konnte die Autorin noch nicht fassen, was für Ausmaße ihr kleiner Roman angenommen hatte.  Je mehr der Film Gestalt annahm, desto öfter wurde die Schriftstellerin auch um Rat gebeten. Sie half den Schauspielern dabei, sich mit ihren Charakteren besser auseinander setzen zu können und gab ein paar Hinweise zum Drehbuch, doch größtenteils überließ sie die Arbeit den Produzenten. Da ist es nicht verwunderlich, dass einige wichtige Szenen geändert wurden. Natürlich weichen Filmadaptionen stets leicht von der Originalquelle ab, denn es ist nicht einfach, ein Sechshundert-Seiten-Buch in einen zirka hundertminütigen Film zu verwandeln. Doch bei Love, Simon hatte Becky Albertalli andere Sorgen: Jedes zweite Kapitel ihres Romans besteht aus E-Mails, die sich Simon und Blue schicken – das kann man doch unmöglich auf der Leinwand darstellen. Aber auch diese Hürde wurde überwunden. Heutzutage kommunizieren Jugendliche ausschließlich über SMS und E-Mails, da schien es schon fast normal, Simon regelmäßig vor seinem Handy oder Laptop sitzen zu sehen.

Trotz einiger Auslassungen und Änderungen wurde Love, Simon zu einem Publikumsliebling. Greg Berlanti, der Regisseur, erschuf ein Werk, das nicht nur Menschen einer bestimmten Nische anspricht, sondern von der breiten Bevölkerung gefeiert wird. In Love, Simon wird Homosexualität zwar – leider – noch nicht als Normalität und Selbstverständlichkeit angesehen, doch es wird nach Simons Outing auch nicht als Tabu-Thema abgestempelt. Mit viel Feingefühl und Verständnis begegnen ihm seine Freunde, Familie und auch ein Großteil seiner Mitschüler. Einige Zuschauer bewerten dieses Verhalten als Fortschritt der Gesellschaft, andere kritisieren den Film dafür. Er zeige eine Idylle, die es so noch nicht gibt und ignoriere die homophoben Bemerkungen von Simons Mitmenschen. Zwar werden einige Mobbing-Szenen im Film gezeigt, doch diese hindern den Hauptcharakter nicht daran, seine Gefühle auszuleben. Wie so oft im Kino lässt sich auch Love, Simon von der Fiktion leiten, blendet Probleme aus und stellt eine unwirkliche Realität dar. Doch es war nie das Ziel von Berlantis Film, die Probleme eines schwulen Teenagers zu zeigen: Der Film sollte vor allem Mut machen. Und tatsächlich – trotz einiger negativer Kommentare wird Love, Simon zu einem neuen Wahrzeichen in der LGBTQ-Community. Der Film vermittelt seinen Zuschauern, treu zu sich selbst zu sein und ermutigt sie, zu ihrer von der Norm abweichenden Persönlichkeit zu stehen – sei es ihre Sexualität oder Herkunft. Mit seiner Geschichte nimmt Simon anderen Jugendlichen die Angst vor einem Coming-Out und belehrt gleichzeitig die Gesellschaft, dass die sexuelle Orientierung im 21. Jahrhundert kein Streitthema mehr sein sollte.

Die kleine Teenie-Romanze, die im Jahr 2015 keiner wirklich lesen wollte, wurde mit der Verfilmung im Jahr 2018 zum Gesprächsthema Nummer 1. Die überwiegend positiven Resonanzen ermutigten Autorin Becky Albertalli, zwei weitere Jugendromane zu verfassen, denn Simons Geschichte ist noch nicht zu Ende. Zwar nimmt der Sechzehnjährige in beiden Büchern eine Nebenrolle ein, bleibt dem Leser aber mit seiner humorvollen und ermutigenden Persönlichkeit erhalten.

Das von Becky Albertalli erschaffene „Simon-versum“ ist voller Positivität, Humor, Mut und Liebe. Klick um zu Tweeten

Ein Happy End ist erst der Anfang erschien Anfang dieses Jahres und stellt die direkte Fortsetzung zu Nur drei Worte dar. Simons beste Freundin Leah spielt diesmal die Hauptrolle und hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Sie ist bisexuell und außer ihrer Mutter weiß davon niemand. Als sie sich dann auch noch in eine ihrer Freundinnen verliebt, scheint ihre Welt aus dem Ruder zu laufen. Das Buch ist noch nicht in einer deutschen Übersetzung erschienen, doch englischen Kritiken zufolge soll es Albertalli gelungen sein, Leahs innere Zerrissenheit originalgetreu darzustellen. Vor allem waren es aber die Reaktionen zu Nur drei Worte, die der Autorin dabei halfen, eine neue Geschichte zu kreieren: Mit Hilfe von Leserstimmen und Reaktionen zu Love, Simon wusste Becky Albertalli, was für eine Story ihre Fans gern lesen würden und somit passte sie ihren Entwurf an. Obwohl Simon nicht der Hauptfokus von Leahs Geschichte ist, hat er doch geholfen, sie zu dem zu machen, was sie ist. Der Jugendliche aus Nur drei Worte ist zu einer Ikone geworden und vielleicht erschuf Becky Albertalli aus diesem Grund ein fiktives Universum – oder „Simon-versum“, wie sie es nennt – voller Positivität, Humor, Mut und Liebe. Es sorgt für ein besseres Miteinander und für mehr Verständnis unter den Menschen, und all das nur, weil ein Teenager nie sein Geheimnis verraten wollte.

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