Rezension || Die Kindheit Jesu

by Marie-Theres Werner
WORUM GEHT ES?

„J. M. Coetzees großer Roman Die Kindheit Jesu ist ein Meteor voller Intensität, Überraschung und Schönheit. Emigration, Einsamkeit, das Rätsel einer Ankunft: In einem fremden Land finden sich ein Mann und ein Junge wieder, wo sie ohne Erinnerung ihr Leben neu erfinden müssen. Sie müssen nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch dem Jungen eine Mutter suchen. In einem dunklen Glas spiegelt J. M. Coetzee unsere Welt, so dass sich alles Nebensächliche unseres Umgangs verliert und die elementarsten Gesten sichtbar werden.“ (Quelle: S. Fischer Verlage)

.

MEINE MEINUNG:

Die Kindheit Jesu ist ein weiterer Schatz, den ich dank eines Seminars an der Uni kennenlernen durfte. Von J.M. Coetzee ist dies mein erster Roman gewesen und ich kann mit Gewissheit sagen, dass es nicht mein letzter sein wird. Von Anfang an hat es der Autor geschafft, meine volle Aufmerksamkeit zu gewinnen und ich hing ihm bis zur finalen Seite buchstäblich an den Lippen. Das Buch wirft Fragen auf, bringt mich zum Kopfschütteln und endet so abrupt, dass man sofort die Fortsetzung lesen möchte.

Als Flüchtlinge kommen Simón und David auf einem Schiff im „neuen Land“ an. Sie haben keinerlei Erinnerungen an ihr altes Leben; sie wissen nicht, wer sie einmal waren und was sie dort gemacht haben, auch wird nicht verraten, wo genau sie sich nach ihrer Flucht befinden. Während der Überschiffung ging ein Brief verloren, den David wahrscheinlich von seinen verschollenen Eltern bekommen hatte – auch hier wird der Leser im Ungewissen gelassen; es wird nie genau bestätigt wo der Brief herkam und an wen er gerichtet war – und somit macht es sich Simón zur Aufgabe,  den kleinen Jungen mit seiner Mutter wieder zu vereinen.

„Die Kindheit Jesu“ wirft Fragen auf, bringt den Leser zum Kopfschütteln und endet so abrupt, dass man sofort die Fortsetzung lesen möchte. Klick um zu Tweeten

In Novilla, einer Stadt im „neuen Land“ finden die beiden mit Hilfe des Relocation Centers eine kleine Wohnung und Simón bekommt einen gut bezahlten Job. Doch die Suche nach Davids Mutter lässt ihn nicht los. Völlig angespannt verbringt er einen Tag nach dem anderen und wird regelrecht besessen von der Idee, eine Frau zu finden, die sich um den Jungen kümmern wird. Als plötzlich Ines in das Leben der beiden Männer tritt, scheint Simóns Suche ein Ende zu haben, doch kann er nicht wissen, auf was er sich einlässt. Er überlässt ihr seine Wohnung und damit auch die Erziehung des Jungen, doch Ines ist erst Mitte dreißig und hat selbst kaum Ahnung von Kindern. Über einen kurzen Zeitraum hinweg entzieht sie David seine Freunde, lässt ihn mit einem gefährlichen Hund alleine und behandelt ihn so, dass er bald meint, der Mittelpunkt der Welt – oder gar Jesus – zu sein. Der gerade einmal Fünfjährige kommt in Kontakt mit Alkohol, ist vorlaut und hat vor Erwachsenen keinen Respekt…

Vor allem die Ungewissheit in J.M. Coetzees Roman hat es mir sehr angetan. Da man als Leser keinerlei Hintergrundinformationen zu den Charakteren bekommt, muss man sie selbst erst Seite für Seite kennenlernen. Dadurch begegnet man ihnen auch mit einer gewissen Distanz, man bildet sich im Verlauf der Geschichte seine eigene Meinung über ihr Handeln und das Auftreten der Personen wird nicht durch eine Vorgeschichte beeinflusst. Das bewusste Auslassen von Details animiert außerdem zum stetigen Weiterlesen, so dass Seite um Seite verfliegt und man begierig nach Antworten sucht.

Das Spannendste an „Die Kindheit Jesu“ ist die Ungewissheit. Als Leser bekommt man keinerlei Hintergrundinformationen zu den Charakteren. Man muss alles selbst herausfinden. Klick um zu Tweeten

Insgesamt hat mir der Roman sehr gut gefallen, doch den Titel fand ich irreführend. Die Kindheit Jesu sollte eigentlich einen religiösen Aspekt versprechen, doch die einzige „Bibel“, auf die sich im Buch bezogen wird, ist die Geschichte von Don Quixote. David lernt mit Hilfe des Romans von Miguel de Cervantes sowohl das Lesen als auch ein Gefühl für die spanische Sprache zu entwickeln. Des Weiteren erklärt ihm Simón hier und da anhand von Textstellen aus Don Quixote wie das Leben funktioniert. Wer allerdings Jesu ist – ob damit wirklich Jesus gemeint ist, oder ob es der Name eines Charakters ist – wird nicht verraten. Vielleicht ist es ja Davids richtiger Name, der, den er hatte, bevor er in das „neue Land“ gekommen ist? Ich bin jedenfalls sehr auf den zweiten Teil gespannt. Vielleicht liefert er ja noch ein paar Antworten zu den vielen Fragen, die Die Kindheit Jesu aufgeworfen hat.

Hinweis
Diese Rezension sowie die untenstehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf meiner subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte sowie Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

.

Quelle: S. Fischer Verlage

Erscheinungstermin: 07.03.2013
Seiten: 352
ISBN: 978-3-10-010825-8
Autor: J.M. Coetzee
Originaltitel: The childhood of Jesus
Übersetzerin
: Reinhild Böhnke
Preis: 21,99€ (Hardcover), 14,99€ (E-Book)

Direkt in deiner Buchhandlung kaufen.

.

DIE REIHENFOLGE DER JESU-BÜCHER:

Die Kindheit Jesu
Die Schulzeit Jesu

.

INFORMATIONEN ZUM AUTOR:

J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für Leben und Zeit des Michael K. und 1999 für Schande. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien. (Quelle: S. Fischer Verlage)

7 comments

Stefan Siebel 24. September 2018 - 20:21

Auch cool aber aber ganz anders: die Bibel nach Biff 🙂

Reply
Jana Gierak 24. August 2018 - 15:07

Es ist mal wieder ein sehr gelungener Beitrag von dir. Bin ein großer Fan deiner Meinungsäußerungen. Mach weiter so. LG von Jana

Reply
Marie-Theres Werner 24. August 2018 - 20:49

Hallo Jana,
es freut mich, dass du weiterhin meine Beiträge verfolgst und sie so gut bei dir ankommen.
Liebe Grüße!

Reply
Gabi Nickel 24. August 2018 - 14:41

Du hast mich wirklich neugierig gemacht. Ich habe noch nichts von Coetzee gelesen… Bildungslücke?
Liebe Grüße
Gabi

Reply
Marie-Theres Werner 24. August 2018 - 20:51

Hallo Gabi,
vielen Dank für deinen Kommentar. Was nicht ist, kann ja noch werden – vielleicht fängst du ja schon bald mit einem Roman von Coetzee an 😉
Als Bildungslücke würde ich es nicht bezeichnen, schließlich kann man ja nicht alles kennen.
Liebe Grüße,
Marie

Reply
Heidi Troi 24. August 2018 - 11:44

Ich würde wahrscheinlich nicht nach einem Buch mit so einem Titelgreifen. Deine Rezension hat mich aber neugierig gemacht. Danke dafür!

Reply
Marie-Theres Werner 24. August 2018 - 12:05

Hallo Heidi,
du hast recht. Ich persönlich hätte das Buch wahrscheinlich auch nicht gekauft. Jetzt bin ich aber froh, dass ich es für die Uni doch lesen musste und nun anderen weiterempfehlen kann 🙂
Liebe Grüße,
Marie

Reply

Leave a Comment

Damit du diese Website im vollen Umfang nutzen kannst, verwende ich Cookies. Mehr Infos dazu findest du in der Datenschutzerklärung. Okay Datenschutz