Rezension || Gastbeitrag: Ein Zug aus Eis und Feuer

by Marie-Theres Werner
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WORUM GEHT ES?

Je öfter ich in Südamerika bin, desto mehr habe ich das Bedürfnis wieder hinzufahren, weil ich jedes Mal merke, wie wenig ich darüber weiß. Schon für Südamerika allein bräuchte ich vier Leben … – Manu Chao

Andere Bands mögen von Stadt zu Stadt jetten und in Hotels leben – davon halten Manu Chao und seine damalige Band La Mano Negra gar nichts: Im eigenen, aus Schrottteilen zusammengebastelten Zug durchqueren sie mit einer Gruppe französischer, kolumbianischer und brasilianischer Künstler – trotz Warnungen wegen vieler Morde und Entführungen – das ländliche Kolumbien. Auf einer Bahnstrecke, die längst nicht mehr befahren wird und so manche Entgleisung verursacht, kommen sie mit der rasanten Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern voran. Auf ihren kostenlosen Konzerten treffen sie auf Bauernfamilien, Heimatlose, Drogendealer, Militärs und Guerilleros, werden mit Hitze und Krankheiten, fehlender Nahrung und Wassermangel, mit Begeisterung und Gastfreundschaft konfrontiert. Hier entsteht das vierte Mano Negra-Album Casa Babylon, und hier beginnt Manu Chaos Leidenschaft fürs Reisen.

Der Bericht von Ramón Chao über diese wahnwitzige Fahrt durch das Tal des Rio Magdalena ist lakonisch, aber auch bunt und schillernd. Er beobachtet die Künstler im Alter seines Sohnes mit sympathisierender Distanz. Zusammen folgen sie den Spuren von Marquez’ 100 Jahre Einsamkeit und durchstehen ein unvergessliches Abenteuer.“ (Quelle: Edition Nautilus)

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JULES MEINUNG:

Kolumbien in den 90er Jahren. Gewalt, Macht- und Drogenkämpfe, politische Unruhen und Unzufriedenheit der Bevölkerung beherrschen das Land. Eine Gruppe bunter Künstler aus den verschiedensten Regionen traut sich mit einem gewagten Kulturprojekt nach Südamerika. Sie bauen aus Schrottteilen einen Zug zusammen, der auf der damals einzigen Zugstrecke Kolumbiens durch die Provinz fährt, und geben kostenlose Auftritte in den Dörfern. Mit an Bord ist die französische Band „Mano Negra“ mit Frontsänger Manu Chao, die für ihre spanischsprachige Musik weltweit bekannt ist. Begleitet werden sie von Rámon Chao, Manu Chaos Vater, der die Reise dokumentiert. Ein Reisetagebuch entsteht.

Es hört sich nach einem unglaublichen und auch gefährlichen Abenteuer an, welches die Gruppe antritt: Sie fahren durch die ärmsten Dörfer Kolumbiens um Auftritte zu geben und beeindrucken die Menschen mit einer schillernden Mischung aus Trapezkünstlern, einer Tätowierbude, Eis- und Feuerwaggons, die in Flammen aufgehen und vielen Angeboten, die die Menschen zum Strahlen bringen.
Von Anfang an werden dem Projekt jedoch Steine in den Weg gelegt. Die Finanzierung durch große Sponsoren scheint nicht sicher zu sein, am Zug treten ständig Schäden auf, die repariert werden müssen; er entgleist auf der Reise fast täglich und kommt nur mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h voran. Krankheiten, auf die niemand vorbereitet war, befallen die Reisenden und es gibt nicht einmal einen Arzt auf dem Zug.

In einem selbstgebauten Zug fahren Manu Chao und seine Bandmitglieder durch die kolumbianische Provinz und geben kostenlose Konzerte. Klick um zu Tweeten

Immer mehr Künstler spielen mit dem Gedanken, die fünfwöchige Tour abzubrechen und vorzeitig zurück nach Bogotá, die Hauptstadt Kolumbiens, zu reisen, wo das große Finale ansteht. Trotz all der Schwierigkeiten lassen sich viele der Artisten nicht entmutigen. Es ist die Hoffnung, die sie jeden Tag vorantreibt. Glückselige Menschen, die in Stunden des Friedens zusammen tanzen und lachen, vor Freude jubelnde Kinder, Zusammentreffen mit offenherzigen Familien, die den Künstlern mehr mit ihrer Lebensgeschichte und Offenheit zu geben scheinen, als die Gruppe das jemals könnte.
Im Traumbüro, das in jedem Ort aufgestellt wird, verewigen sich die Kolumbianer mit ihren Wünschen. Der häufigste Wunsch ist der nach Frieden und einer besseren Zukunft für ihr Land. Begegnungen mit Menschen, die unter einem zerrissenen, korrupten Land leiden und sich nicht zur Wehr setzen können, werden gefühlvoll beschrieben und vermitteln dem Leser ein Gefühl der zerreißenden Hilflosigkeit.

Es ist der Zug, die Fahrt, es sind die pueblos, in die man einfährt, diese Dörfer, wo die Leute wohl noch nie solch ein Spektakel miterlebt haben, und es sind die Reaktionen der Menschen, ihr herzlicher Empfang, ihre Trauer, wenn wir wieder fahren. Ich werde sie nie vergessen, und ich hoffe, sie uns auch nicht.Ramón Chao, Ein Zug aus Eis und Feuer, Edition Nautilus

Ramón Chao beschreibt Kolumbien, wie es noch vor 25 Jahren aussah. Ein gefährliches Land, beherrscht von Korruption, Drogengewalt, einem jahrelangen Bürgerkrieg und verworrenen, politischen Interessensgeflechten. In den Köpfen der Menschen ist es wohl noch eines der gefährlichsten Länder der Welt. Drogenbaron Pablo Escobar, der vor 25 Jahren starb, im gleichen Jahr, als der Zug Hoffnung und Freude brachte, scheint jedem ein Begriff zu sein. Schlagzeilen im Internet und in Zeitungen tragen dazu bei, Kolumbien als gefährlich einzustufen.
Doch wie sieht Kolumbien heute aus? Ist die Lage noch genauso hoffnungslos, wie Ramón Chao sie 1993 in seinem Buch beschrieb?

2016 – ein bedeutendes Jahr für die kolumbianische Nation. Nach langwierigen Friedensverhandlungen können sich die linksextreme FARC und die Regierung einigen. Juan Santos, der Präsident Kolumbiens, gewinnt den Friedensnobelpreis. Doch es ist noch ein langer Prozess, ehe sich Kolumbiens negatives Bild weltweit ändern wird.
Mit seinen vielfältigen Landschaften von der Andenregion mit beeindruckenden Bergen über das paradiesische Kaffeedreieck, dem sagenumwobenen Amazonas, Pazifik- und Karibikküste bis hin zu den bunten, kulturellen Großstädten, entwickelt sich Kolumbien zunehmend zu einem beliebten und sicheren Reiseziel. Ein Land, in das man sich schnell verlieben kann. Das erkannte schon „Mano Negra“ im Jahr 1993.

In seinem Buch „Ein Zug aus Eis und Feuer“ berichtet Ramón Chao nicht nur über die Reise mit seinem Sohn, sondern er schreibt auch über Kolumbien als gewalterfülltes, gefährliches Land. Klick um zu Tweeten

In Ein Zug aus Eis und Feuer beschreibt Ramón Chao Kolumbiens malerische Landschaften, die heute genauso schön sind wie damals. Obwohl sich das Land während der damaligen Reise noch in einer ganz anderen Lage befand als heute, steckt der Autor den Leser mit seiner Begeisterung für die Natur und Gastfreundschaft der Kolumbianer an und vermittelt kein negatives Bild. Die abwechselnden Beschreibungen der Künstlerreise mit politischen Hintergrundwissen zur Region und historischen Ereignissen des Kolumbiens der frühen 90er Jahren, sind eine interessante Mischung, die einen guten Einblick in das vielseitige Land geben. Beim Lesen steigt man mit der bunten Gruppe auf den Zug und tuckert gemeinsam von Dorf zu Dorf durch die vielfältigen Landschaften. Jeder Ort hält eine neue Begegnung bereit. Man kann das Buch kurz zur Seite legen, vom Zug absteigen und steigt später wieder auf, um die Reise fortzusetzen und sich quer durch ein unterschätztes, wunderschönes Land führen zu lassen.

Quelle: Jule Damaske

Julumbien ist ein Versuch, das wunderschöne Kolumbien fern von Vorurteilen zu zeigen. Nach ihrem Abitur im Jahr 2015 absolvierte Jule einen Freiwilligendienst in der Andenstadt Tunja und arbeitete als Englischassistenz in einer Schule. Ein Jahr reichte, um sich in Kolumbien mit seinen vielfältigen Landschaften, der kunterbunten Kultur und offenherzigen Menschen zu verlieben. Nach dem Jahr startete sie ihr Studium der „Europäischen Medienwissenschaften“ in Potsdam. Kolumbien bleibt sie auf immer verbunden und berichtet auf ihrem Blog über Erlebnisse während der Südamerikareisen und bald über die anstehenden Auslandssemester in Bogotá und Chile.

Hinweis
Diese Rezension sowie die untenstehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf Jules subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte sowie Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: Edition Nautilus

Erscheinungstermin: 02.2008
Seiten: 240
ISBN: 978-3-89401-564-0
Autor: Ramón Chao
Originaltitel: Un train de glace et de feu
Übersetzerin
: Andrea Scheunert
Preis: 14,90€ (Taschenbuch)

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INFORMATIONEN ZUM AUTOR:

Ramón Chao, spanischer Schriftsteller und Vater des Sängers Manu Chao, ist 1935 im nordspanischen Lugo geboren. Er studierte in Madrid und Paris Musikgeschichte. 1956 floh er mit seiner Frau vor dem Franco-Regime ins französische Exil. Ramón Chao arbeitete u.a. für Radio France International und für Le Monde sowie Le Monde diplomatique. Letzte Buchveröffentlichungen: Abécédaire partiel et partial de la mondialisation (Partielles ABC der Globalisierung), in Zusammenarbeit mit Ignacio Ramonet und Jacek Wozniak. Außerdem ist er der Gründer des Prix Juan Rulfo, der rennomierte Preis für spanischsprachige Kurzgeschichten. Ramón Chao lebt in Paris. (Quelle: Edition Nautilus)

3 comments

Jule 15. April 2018 - 17:22

Liebe Marie,
auch hier noch einmal ein großes Dankeschön an dich!
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich im Buchrezension-Schreiben zu probieren 🙂
Viele Grüße aus Berlin
Jule

Reply
Marie-Theres Werner 15. April 2018 - 17:25

Hallo Jule,
es freut mich, dass es dir Freude bereitet hat. Deine Rezension ist dir wirklich gut gelungen 🙂
Liebe Grüße!

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