Rezension || Hillbilly-Elegie

by Marie-Theres Werner
WORUM GEHT ES?

„Seine Großeltern versuchten, mit Fleiß und Mobilität der Armut zu entkommen und sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Doch letztlich war alles vergeblich. J. D. Vance erzählt die Geschichte seiner Familie – eine Geschichte vom gescheiterten Aufstieg und von der Resignation einer ganzen Bevölkerungssschicht. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump.“ (Quelle: Ullstein Buchverlage)

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MEINE MEINUNG:

Ich muss ehrlich zugeben: Hätte ich in der Uni nicht den Kurs „Representing Poverty in the U.S.“ belegt, dann hätte ich höchstwahrscheinlich auch niemals dieses Buch gelesen. Schande über mich, denn Hillbilly-Elegie hat mich wirklich aus den Socken gehauen. Nicht nur J.D. Vances Schreibstil fand ich grandios, mich hat vor allem beeindruckt, mit wie viel Feingefühl er die schwierigen Gesellschaftsthemen vermittelt hat.

Seine Geschichte erinnerte mich zuerst an dieses typische Cinderella-Thema – ein Junge aus ärmlichen und doch recht asozialen Verhältnissen studiert letztendlich an der Yale Universität Jura und arbeitet später in einer Investmentfirma. Doch in einer Hinsicht hat J.D. Vance ein deutliches Vorteil gegenüber Aschenputtel. Er hat liebevolle Großeltern und eine hilfsbereite Schwester, die ihm in jeder Lebenslage zur Seite stehen und nur das Beste für ihn wollen. Mamaw und Papaw – diese beiden haben nicht nur den Autor geprägt, sondern liefern auch hilfreiche Ratschläge über jede Buchseite hinaus.

Das Buch liest sich unglaublich schnell. Zeile um Zeile habe ich seine Worte verschlungen und ihn dabei immer mehr bewundert. Ich fand es faszinierend zu lesen, wie ein Junge, der eigentlich der beste Kandidat für ein Hillbilly Leben ist, den Absprung schafft und in einer gehobenen Gelsellschaft seinen Platz findet. Dies alles passierte aber nicht von heute auf morgen. Es gab viele Wegbegleiter in J.D. Vances Leben, die ihm gezeigt haben, wie man Rechnungen schreibt, sich passend für ein Bewerbungsgespräch kleidet oder welche Gabel man in einem feinen Restaurant zuerst benutzen soll. Traurigerweise waren diese richtungsweisenden Personen weder seine Eltern noch seine Großeltern. Es waren die Ausbilder in der Navy, Professoren der Ohio State und Yale Universitäten und später auch zukünftige Chefs.

Obwohl ich all seine Erfolge mit ihm gefeiert habe, gefiel mir eine Sache weniger gut: der Gebrauch der „wir“ und „sie“ Formen. „Wir“, ganz klar, sind die Hillbillys und mit „sie“ ist die gehobene Gesellschaft gemeint. Viele aus meinem Seminar kamen hier zu dem Punkt: Für wen hält er sich eigentlich? Normalerweise schreiben Menschen ihre Memoiren in der Ich-Form, was J.D. Vance zum Großteil auch gemacht hat, doch die gelegentlichen „wir“ und „sie“ Einschübe verallgemeinern seine Aussagen und Behauptungen. Dadurch stellt er sich selbst als ein kleines Phänomen dar und dies kann schnell falsch verstanden oder sogar als angeberisch aufgefasst werden.

Mich persönlich hat dies weniger gestört. Ich bin von seinem Erfolg nach wie vor sehr angetan und konnte diese kleine Oberflächlichkeit leicht überschauen. J.D. Vance hat es geschafft, mir mit einfachen Statistiken und persönlichen Beispielen das Thema Armut in der USA näherzubringen. Ein wirklich gelungenes Buch.

Hinweis
Diese Rezension sowie die unten stehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf meiner subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: Ullstein Buchverlage

Erscheinungstermin: 07.04.2017
Seiten: 304
ISBN: 9783550050084
Autor: J.D. Vance
Originaltitel: Hillbilly Elegy
Übersetzer
: Gregor Hens
Preis: 22€ (Hardcover), 11€ (Taschenbuch), 18,99€ (E-Book)

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INFORMATIONEN ZUM AUTOR:

James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jura und arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegy“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

2 comments

flattersatz 11. März 2018 - 20:00

mir hatte das buch auch sehr gut gefallen, es ist der seltene moment, in denen ein insider aus einem bildungsferne milieu (das kann man, denke ich, so sagen) in dieser prägnanz berichtet. „wir“ und „sie“: ich denke, vance macht keinen hehl daraus, daß er sich emotional immer noch als zugehörig zu den hillbillys sieht, ein grenzgänger, der in beiden welten zuhause ist. das buch schöpft seinen wert auch daraus, daß es aus trumps herzland berichtet und eine ahnung davon vermittelt, was vor einem jahr dort passiert ist (und möglicherweise in drei jahren wieder geschehen wird….)

herzliche grüße
gerd

Reply
Marie-Theres Werner 11. März 2018 - 21:47

Hallo Gerd, vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich ist es normal, dass er emotional zwischen beiden Seiten steht. Da hast du recht. Ich persönlich fand das „wir“ nur manchmal etwas unpassend 🙂

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