Rezension || Ohne Gnade

by Marie-Theres Werner
WORUM GEHT ES?

„13-jährige Kinder, die Jahre in Isolationshaft verbringen müssen, willkürliche Verhaftungen und rassistische Vorurteile durch Polizei und Justiz sind Alltag in den USA. Der Anwalt Bryan Stevenson macht diese erschütternden Fälle aus Amerikas Gerichtssälen publik. Er vertritt Menschen, die keinen oder nur pro forma einen Rechtsbeistand erhalten. Wie ein Thriller lesen sich die Fälle, in denen er dafür kämpft, Unschuldige aus der Todeszelle herauszuholen. Ein notwendiges Buch, das den allgemeinen Rassismus und das Versagen des Strafsystems anprangert – und erschreckende Einblicke in die amerikanische Gesellschaft gibt.“ (Quelle: Piper Verlag)

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MEINE MEINUNG:

Ohne Gnade ist das erste Buch, das ich zur Seite legen musste, um die geschriebenen Ereignisse zu verdauen. Obwohl man in jeder Zeile das Mitgefühl und Engagement von Bryan Stevenson deutlich spürt, sind die Szenen, die er schildert, leider brutale Realität. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass ich gerade keinen Thriller sondern ein Sachbuch über die amerikanische Polizeigewalt und Justizwillkür in den Händen hielt.

In den USA ist es keine Seltenheit, dass Teenager von gerade einmal dreizehn Jahren lebenslänglich ins Gefängnis müssen oder sogar zum Tode verurteilt werden. Vor allem, wenn sie eine dunklere Hautfarbe haben, stellen sie für die Beamten und Richter ein gefundenes Fressen dar. Aus diesem Grund setzte sich Bryan Stevenson kurz nach seinem Studium dafür ein, Kinder und die, die zu Unrecht hinter Gittern sitzen, vor der Todesstrafe zu retten.

Die Todesstrafe ist in den USA keine Seltenheit – immer öfter müssen auch Jugendliche für ihre Straftaten mit dem Leben bezahlen. Gott sei Dank gibt es Anwälte wie Bryan Stevenson, die sich für Minderjährige im Todestrakt einsetzen. Klick um zu Tweeten

Was ich besonders gut fand, ist, dass es einen „Hauptfall“ gibt, der sich durch das Buch zieht: Walter McMillian bekam wegen Mord die Todesstrafe, behauptet jedoch, unschuldig zu sein. Nun ist es Bryans Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen und Walter vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. In den vielen Jahren, die er für seinen Klienten kämpft, lernt er immer mehr Insassen kennen, die trotz ihrer Unschuld verhaftet wurden und er sieht es als seine Pflicht, für Gnade und Erlösung zu sorgen.

Noch nie zuvor hatte ich einen Fuß in ein Hochsicherheitsgefängnis gesetzt, schon gar nicht in einen Todestrakt. Als ich erfuhr, dass ich dem Häftling ganz allein und ohne Begleitung eines Anwalts gegenübertreten würde, versuchte ich, mir meine Panik nicht anmerken zu lassen.Bryan Stevenson, Ohne Gnade, Piper Verlag

In seinem Buch schildert er die unterschiedlichsten Fälle – sie reichen von afro-amerkanischen Jugendlichen, deren einziges Motiv war, dass sie das Opfer vor der Tatzeit als letztes sahen, bis hin zu geistigbehinderten Erwachsenen, die eher medizinische Hilfe benötigen und nicht in ein Gefängnis gehören. Es fällt mir schwer, etwas vom Inhalt preiszugeben, da die einzelnen Fälle selbst so komplex und spannend sind, dass ich ungern etwas vorweg nehmen möchte. Doch ich kann mit Gewissheit sagen, dass Stevenson bei seiner Erzählung kein Detail auslässt. Von Anfang bis Ende werden die Geschichten der Insassen beschrieben. Manche können dem endgültigen Schicksal entkommen, andere müssen unter ihrer Verurteilung leiden. Während man jede Geschichte genau erfährt, lernt man auch sehr viel über jeden einzelnen vermeintlichen Kriminellen: man weint, man ist schockiert, man muss an einigen Stellen schwer schlucken, aber Ohne Gnade wäre kein so außergewöhnliches Buch, wenn der Autor nur distanziert von den Fällen erzählt hätte.

An Bryan Stevensons Erzählung sollte sich jeder einmal herangetraut haben. Es ist zwar zwischendurch ziemlich starker Tobak, aber gleichzeitig auch eine umfangreiche Darstellung der amerikanischen Rechtslage. Mit seiner „Equal Justice Intitiative“ hat der Autor und Anwalt vielen Menschen das Leben gerettet.

Zum Verständnis: Equal Justice Initiative

  • Abschaffung der Todesstrafe
  • Verbesserung der Zustände in Gefängnissen
  • Freilassung von Insassen, die unschuldig sind
  • Rassismus im Strafrecht entgegenwirken
  • Unterstützung von Armen, die sich keinen Anwalt leisten können
  • Verbot der Inhaftierung von Kindern und Erwachsenen in gleichen Gefängnissen

Obwohl es einem bei Themen wie Exekution und Verurteilung schwer fällt, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, finde ich es wichtig zu wissen, dass es gewisse Superhelden in den Gerichtssälen gibt, die alles dafür tun, um sich für ihre Klienten einzusetzen. Bryan Stevenson konnte zwar nicht alle seine Schützlinge vor dem Tod bewahren, aber mit seiner Initiative wird er in Zukunft dafür sorgen, dass sich die Rechtslage in den USA bessert – und zwar in Hinsicht auf die Verurteilung und den Umgang von Häftlingen.

Hinweis
Diese Rezension sowie die unten stehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf meiner subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: Piper Verlag

Erscheinungstermin: 02.11.2016
Seiten: 416
ISBN: 978-3-492-31003-1
Autor: Bryan Stevenson
Originaltitel: Just mercy
Übersetzer
: Jürgen Neubauer
Preis: 11€ (Taschenbuch), 10,99€ (E-Book)

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INFORMATIONEN ZUM AUTOR:

Bryan Stevenson ist Professor an der juristischen Fakultät der New York University sowie Mitgründer und Geschäftsführer der „Equal Justice Initiative“, einer Organisation, die sich für Menschen einsetzt, die unter die Räder der amerikanischen Justiz kommen. Er hat Dutzende Verfahren gewonnen und viele Unschuldige vor der Vollstreckung der Todesstrafe gerettet. (Quelle: Piper Verlag)

8 comments

Miriam//howaboutlife 16. März 2018 - 16:14

Liebe Marie,
das Stöbern auf Deinem Blog macht echt Spaß! Deine Rezensionen machen wirklich Lust auf mehr – Ohne Gnade klingt wirklich lesenswert und ich werde es mir definitiv kaufen.
Liebe Grüße,
Miriam

Reply
Marie-Theres Werner 16. März 2018 - 16:17

Hallo Miriam,
vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich immer wieder zu hören, dass meinen Lesern der Blog gefällt. Noch mehr sogar, dass meine Rezensionen euch dazu verleiten, die Bücher zu kaufen. „Ohne Gnade“ wird dir sicherlich gefallen. Es ist zwar ein Thema, das schwer zu verdauen sein wird, aber das Buch ist sehr interessant geschrieben. Lass mich wissen, wie du es fandest 😉
Liebe Grüße!

Reply
Gierak 7. März 2018 - 12:03

Hallo Marie,
schweres Thema angefasst, leider allgegenwärtig nicht nur in den USA, Gott sei Dank in Deutschland nicht, fesselnd von dir dargestellt, wird dazu führen, dass ich mir das Buch beschaffe.
Auch deine Artikel werde ich wieder öffnen, sehr interessant! !!!!

Andree

Reply
Marie-Theres Werner 7. März 2018 - 12:07

Hallo Andree!
Danke für deinen Kommentar. Es freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat.
Liebe Grüße!

Reply
Max 7. März 2018 - 11:19

Das klingt nach einem Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt – und das für 11 €! Super spannend geschrieben und DANKE für das nicht-spoilern!

Reply
Marie-Theres Werner 7. März 2018 - 11:20

Hallo Max,
danke für deine Nachricht. Lies es dir ruhig mal durch – ich denke es wird dir gefallen 🙂

Reply
Jana Gierak 7. März 2018 - 11:17

Hallo Marie,einfach wieder fantastisch geschrieben. Ich warte auf deinen nächsten Beitrag.

Reply
Marie-Theres Werner 7. März 2018 - 11:31

Dankeschön, Jana 🙂

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