Rezension || Open City

by Marie-Theres Werner
WORUM GEHT ES?

„Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.

Für seinen faszinierenden Roman über einen Flaneur des 21. Jahrhunderts ist Teju Cole international von Presse und Lesern gefeiert und mit Autoren wie Sebald, Camus oder Naipaul verglichen worden. Getragen vom Fluss seiner bewegenden, klaren Sprache, erzählt Open City eine Geschichte von Erinnerung, Entwurzelung und der erlösenden Kraft der Kunst.“ (Quelle: Suhrkamp Verlag)

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MEINE MEINUNG:

Open City ist der erste Roman, bei dem es mir schwer fällt, eine Rezension zu schreiben. In einem Uni-Seminar über Weltliteratur war Teju Coles Buch Teil einer Diskussion, aber ich denke nicht, dass ich es auch aus persönlichem Interesse gelesen hätte. Open City hat mich überrascht, zum Nachdenken gebracht und meine Offenheit gegenüber anderen literarischen Werken erweitert.

Als Psychiater muss man sich oft die verrücktesten Geschichten anhören. Man muss sich in Geduld üben, Menschen Rat geben und vor allem dürfen ihre Erlebnisse einen nie nach Hause begleiten. Um einen Ausgleich zu seiner Arbeit zu schaffen, geht Julius spazieren. Während er durch die Straßen New Yorks zieht, befreit er seinen Kopf von lästigen Gedanken und findet Zeit zum Durchatmen. Als Julius aber eines Abends seinem Nachbar begegnet und vom Tod dessen Frau  vor mehreren Monaten erfährt, ist er schockiert, denn ihm wird bewusst, wie ignorant Menschen heutzutage leben: Weder die Abwesenheit seiner Nachbarin noch die Stimmungsveränderung ihres Mannes hat der junge Psychiater mitbekommen. Somit durchstreift er die Straßen nicht mehr nur, um seelischen Ballast abzuwerfen, Julius beginnt außerdem, ein offenes Ohr für seine Mitmenschen zu haben.

„Open City“ überrascht den Leser, bringt ihn zum Nachdenken und erweitert seine Offenheit gegenüber anderen literarischen Werken. Klick um zu Tweeten

Teju Cole schrieb den Roman aus der Ich-Perspektive und lässt Elemente des inneren Monologs in seine Erzählweise einfließen. Daher stolpert man oft über abrupte Gedankensprünge des Protagonisten und auch einen roten Faden erkennt man nur schwierig: Das Buch zeichnet sich nicht durch eine zusammenhängende Handlung aus, sondern ist eher eine Sammlung von Julius‘ Erfahrungen. Auf seinen Reisen, die ihn von New York bis nach Brüssel bringen, begegnet er Rassismus, er denkt über eine verlorene Liebe nach, schließt neue Freundschaften und hinterfragt die Herkunft seiner Familie. Der Schreibstil gefiel mir unglaublich gut. Ich bin ein großer Fan von Romanhelden, die ihre Geschichten in der ersten Person erzählen und Teju Cole wählte seine Worte dabei so, dass sich sein Buch unglaublich schnell lesen lässt. Man hält sich nicht lange an ungewöhnlichen Textkonstruktionen auf oder verliert sich in langen, verschachtelten Sätzen. Man kann den Gedanken von Julius so leicht folgen, als erzählte er uns die Geschichte persönlich.

Ich sagte schon am Anfang, dass ich Open City wahrscheinlich nie aus persönlichem Interesse gelesen hätte, aber ich bin froh, dass ich es doch getan habe. Der Roman ist belehrend, aufschlussreich und sehr gut recherchiert. Das Allgemeinwissen des Protagonisten hat mich regelrecht umgehauen und ich denke, jeder sollte sich einmal von Julius‘ Wesen verzaubern lassen.

Hinweis
Diese Rezension sowie die unten stehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf meiner subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: Suhrkamp Verlag

Erscheinungstermin: 11.04.2016
Seiten: 411
ISBN: 978-3-518-46705-3
Autor: Teju Cole
Originaltitel: Open City
Übersetzerin
: Christine Richter-Nilsson
Preis: 10€ (Taschenbuch)

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INFORMATIONEN ZUM AUTOR & ZUR ÜBERSETZERIN:

Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist als Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf tätig und hat eine Stelle als Distinguished Writer in Residence am Bard College inne. Teju Cole lebt in Brooklyn, New York. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

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Christine Richter-Nilsson, geboren in Stuttgart, studierte Rhetorik und Kulturwissenschaft in Tübingen, Stanford (Kalifornien) und Uppsala (Schweden). Heute ist sie als Dramaturgin und literarische Übersetzerin tätig. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

4 comments

Janika 24. Mai 2018 - 16:40

Liebe Marie,
im Prinzip klingt das ja nach einem richtig guten Buch. Was mir negativ aufstößt ist jedoch der fehlende rote Faden, von dem du erzählst. Wenn es keine Struktur in einem Roman gibt, lege ich es nämlich ganz oft aus den Händen und greife nicht erneut danach. So von wegen „Abschnitt beendet und das war’s“, weil die Handlung ja nicht wirklich fortgesetzt wird?
Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.
Liebe Grüße,
Janika

Reply
Marie-Theres Werner 24. Mai 2018 - 18:01

Hallo Janika,
ja, genau die gleichen Gedanken hatte ich auch, als ich das Buch begonnen hatte. Wie gesagt – ich selbst hätte es mir wahrscheinlich nie in einer Buchhandlung ausgesucht. Da ich es aber lesen musste, ging kein Weg daran vorbei. Man gewöhnt sich aber an den Schreibstil und muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass es um die Entwicklung des Protagonisten geht und somit die verschiedenen Auszüge aus seinen Gedanken ausreichen.
Vielleicht liest du es ja irgendwann mal. Dann lass mich gern wissen, wie es dir gefallen hat 🙂
Liebe Grüße!

Reply
Jolanda Fäh 24. Mai 2018 - 12:03

Na ja, ich habe dieses Buch schon vor längerer Zeit gelesen. Im Nachhinein betrachtet ist nicht viel hängengeblieben, eine Stimmung von Verlorenheit in einer völlig zersplitterten Stadtwelt. Sich eine Stadt gehenderweise anzueignen, umherzuschweifen, auch gedanklich,, ist ganz meine Sache und kann ich nur als bereichernd empfehlen, ich würde es allerdings nie bei Nacht wagen.

Reply
Marie-Theres Werner 24. Mai 2018 - 12:07

Du hast recht. Da es nicht wirklich einen roten Faden gibt, bleibt von der Handlung auch nicht viel hängen. Ich fand es trotzdem interessant, wie Julius mit offenen Augen durch die Straßen zieht, die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen kennenlernt und irgendwie seinen Platz in der Welt findet.

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