Rezension || Stadt aus Glas

by Marie-Theres Werner
WORUM GEHT ES?

Der Krimiautor Daniel Quinn hat sich nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes zunehmend isoliert. Eines Nachts erhält er einen Anruf und wird von einem Fremden zu Hilfe gerufen. Um einen Mord zu verhindern schlüpft er in die Rolle eines Privatdetektivs und gerät so in den Sog einer unglaublichen Geschichte. Bei der Jagd durch New York verwirrt sich der Kriminalfall zu einem Spiel der Identitäten (Quelle: Reprodukt).

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MEINE MEINUNG:

Für mein Detective Fiction Seminar an der Uni war Stadt aus Glas der erste Roman, den ich von Paul Auster gelesen habe und er hat mich mit gemischten Gefühlen zurück gelassen. Quinn ist Autor von Kriminalromanen, die er unter dem Pseudonym William Wilson veröffentlicht. Sein Hauptcharakter Max Work deckt in seinen Geschichten komplizierte Fälle auf und begibt sich oft in Gefahr. Von Quinns eigenem Leben ist seine erschaffene Figur meilenweit entfernt, denn der Autor hat sich nach dem plötzlichen Tod seiner Frau und seines Sohnes komplett isoliert.

Schon zu Beginn von Stadt aus Glas wird dem Leser klar, dass man Daniel Quinn nicht eindeutig charakterisieren kann. Als Autor schlüpft er regelmäßig in die Rolle von William Wilson, welcher wiederum dem Privatdetektiv Max Work Worte in den Mund legt. Mit dieser Vorgehensweise scheint er halbwegs guten Erfolg zu haben, denn er kann mit den veröffentlichten Werken seinen Lebensunterhalt bezahlen. Doch seit Daniel Quinn allein ist, lebt er nur noch von einem Tag in den nächsten. Nichts ergibt mehr einen Sinn und auch seine literarischen Ideen kommen ihm nicht mehr so flüssig von der Hand. Als er dann eines Nachts einen Anruf erhält, in dem eine Person verzweifelt nach Paul Auster fragt, wendet sich Quinns Leben komplett und Stadt aus Glas spielt nun verstärkt mit den Identitäten seiner handelnden Figuren – Ist der Autor Paul Auster selbst Teil seines eigenen Buches?

„Stadt aus Glas“ spielt durchgehend mit den Identitäten der handelnden Figuren, sodass man sich immer wieder fragen muss, was wahr und was gelogen ist. Klick um zu Tweeten

Daniel Quinn beschließt sich, nach mehreren Anrufen der gleichen Person, als Paul Auster auszugeben. Schließlich war sich der andere Mann am Ende der Leitung so sicher, dass er die richtige Nummer hat, und was soll schon schief gehen? Langweiliger kann Quinns Leben kaum noch werden. Unter seiner neuen Identität vereinbart er ein Treffen mit Peter Stillman, dem Mann, der ihn verzweifelt um Hilfe bat und wittert eine große Chance: Endlich könnte er einmal die Rolle von Max Work einnehmen und zum Helden der Geschichte werden, denn der mysteriöse Paul Auster, den Stillman eigentlich erreichen wollte, ist ein bekannter Privatdetektiv.
Geduldig hört sich Quinn die Geschichte seines Klienten an und muss feststellen, dass dieser Fall komplizierter werden könnte, als er vermutete. Peter Stillman hat Probleme, sich auszudrücken. Immer wieder wiederholt er die gleichen Sätze, unterbricht diese, fängt sie neu an und schafft es nicht, eine zusammenhängende Botschaft zu vermitteln. Nur mit Müh und Not und der Hilfe von Stillmans Frau findet Quinn heraus, was das Problem ist: Als kleiner Junge wurde Peter von seinem Vater schwer misshandelt. Jahrelang verbrachte er jeden Tag in einem abgedunkelten Zimmer ohne jeglichen menschlichen Kontakt – sein Sprachproblem ist eine der verheerenden Folgen. Für seine Taten kam Peters Vater damals in eine Psychiatrie, doch nun steht er kurz vor seiner Entlassung und er drohte seinem Sohn an, dass, falls er jemals frei kommen sollte, er sich an ihm rächen werde. Nun liegt es an Quinn aka Paul Auster, den alten Mann zu beschatten und eine Katastrophe zu verhindern.

Zu Beginn war ich von Stadt aus Glas sehr begeistert. Die unterschiedlichen Identitäten von Daniel Quinn machten die Geschichte spannend und dass sich Paul Auster selbst als Charakter darstellte, fand ich einzigartig. Ich fand es ebenfalls interessant, dass die Hauptfigur kein professioneller Detektiv war. Zwar glaubt Quinn durch seine Arbeit als Krimiautor das Handwerk eines Detektivs zu kennen, doch er musste schnell bemerken, dass es wesentlich einfacher ist, Fälle zu lösen, die man sich selbst ausdenkt. Die erste Hälfte von Austers Buch war fesselnd, Quinn schien Fortschritte zu machen und man wartete darauf, dass das Rätsel um Peter Stillman und seinen Vater bald gelöst wird. Doch irgendwie ist dieser Moment nie gekommen. Das Verhalten von Quinn wurde immer absurder, zum Ende des Buches schien er völlig den Verstand verloren zu haben und auch die große Action blieb aus. Ich hatte mit Spannung, Intrigen und Verhaftungen gerechnet, stattdessen hebt Paul Auster sein Spiel mit den Identitäten und der Existenz seiner Figuren auf eine völlig neue Ebene. Stadt aus Glas ließ mich auf der einen Seite unbefriedigt, auf der anderen Seite aber auch fasziniert zurück und ich fühle mich im Inneren fast so zerrissen wie Daniel Quinn.

Hinweis
Diese Rezension sowie die unten stehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf meiner subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden. 
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: Rowohlt Verlag

Erscheinungstermin: 02.01.2012
Seiten: 416
ISBN: 978-3-499-25809-1
Autor: Paul Auster
Originaltitel: The New York Trilogy
Übersetzer:
Joachim A. Frank
Preis
: 11€ (Taschenbuch), 9,99€ (E-Book)

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INFOS ZUM AUTOR:

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen Romanen Im Land der letzten Dinge und der New-York-Trilogie. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen auch Essays und Gedichte sowie Übersetzungen zeitgenössischer Lyrik (Quelle: Rowohlt Verlag).

2 comments

giubanski 5. Juli 2019 - 14:05

Es gibt dazu eine ganz passable Comic-Version. Siehe meine Rezension von 2006: https://giubanski.wordpress.com/2006/03/30/1576/
Beste Grüsse

Reply
Jia 24. Juni 2019 - 17:13

schöner Artikel ich befasse mich inzwischen nur mit Hesse, genauer gesagt mit Unterm Rad. Mein Blog ist leider noch nicht so gut gefüllt wie Deiner. Wenn du eine Hesse Kritik verfassen solltest würde ich dich gerne verlinken, schau gerne mal unter https://wirlesenhesse.blogspot.com/

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