Rezension || Gastbeitrag: Terror von Ferdinand von Schirach

by Marie-Theres Werner
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WORUM GEHT ES?

„Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.“ (Quelle: btb Verlag)

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VINCENTS MEINUNG:

„Meine Damen und Herren Richter, jeder von uns weiß noch wo er am 11. September 2001 war. Jeder weiß noch, wo er diese Bilder zum ersten mal gesehen hat. […] Es war ein terroristischer Massenmord “. Diese Ereignisse zerstören unsere Ideen von Recht und Gesetz. Sie wirken fern von unserer Alltagsrealität. Ferdinand von Schirach ändert genau das in „Terror“, einem Theaterstück das am 18. Oktober 2015 in Düsseldorf seine Premiere erlebt hat und seit dem auch als Buch zu haben ist.

Ferdinand von Schirach hat in Terror den Leser zum Richter gemacht. In seinem internationalen Theatererfolg, der bis heute auf den Bühnen der Welt gespielt wird, setzt er uns den Terror, den wir sonst nur im Fernsehen zu sehen bekommen, direkt vor die eigenen Haustür – oder genauer gesagt über die eigenen Köpfe. Lars Koch, Major der Deutschen Luftwaffe hat ein entführtes Lufthansa Flugzeug auf dem Weg nach München abgeschossen und damit alle 164 Menschen an Bord getötet, gegen die ihm gegebenen Befehle und gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Nun steht er vor Gericht, angeklagt wegen Mordes in 164 Fällen. Ob er schuldig ist, entscheiden die Zuschauer im Theater, oder eben die Leser des Buches.

Die gesamte Handlung von Terror spielt sich in einer Gerichtsverhandlung ab, trotzdem wird man nicht von juristischen Fachbegriffen und ermüdenden Verfahrensfragen erschlagen. Terror macht das Recht auf eine Art und Weise für jedermann greifbar, wie es Juristen viel zu selten tun. Doch diese Hauptverhandlung ist anders, denn hier muss nicht geklärt werden, was passiert ist, so wie wir es aus den Gerichtssendungen im Vormittagsprogramm des Privatfernsehens gewöhnt sind. Es ist klar was passiert ist: Lars Koch hat eine voll besetzte Lufthansamaschine gegen ausdrücklichen Befehl abgeschossen um sie davon abzuhalten in ein voll besetztes Fußballstadion zu stürzen und so 70.000 Menschen zu töten, dennoch werden die Geschehnisse für den Leser gut verständlich Zusammengefasst, ohne dabei in zu lange technische Abhandlungen abzurutschen.  Die eigentliche Frage in diesem Verfahren und damit in der Handlung von Terror ist eine andere: War es richtig die Maschine abzuschießen und damit einige Menschen zu töten, um viele mehr zu retten?

Durch eben diese Frage ist Terror über die gesamte Handlung hin spannend. Aber nicht, weil man sich ständig fragt, was als nächstes passieren könnte oder man von unerwarteten Wendungen auf dem falschen Fuß erwischt wird. Stattdessen ist der erdachte Gerichtssaal ständig aufgeladen mit einer inneren Anspannung zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft, zwischen Verurteilung und Freispruch. Als Leser steht man zwischen den Fronten. Man wird zwischen den Argumenten beider Seiten hin- und hergeworfen wie ein Tischtennisball. Trotzdem stehen beide Seiten ständig in einem filigran konstruierten Gleichgewicht. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft leisten sich dabei zwar längere juristische Monologe, die aber für den normalen Leser verständlich bleiben, aber im Gesamtbild gewinnt trotzdem nie eine Seite die Überhand.

Das Stück kennt zwei Enden, je nachdem ob man Lars Koch verurteilt oder freispricht. Man kann sich selbst entscheiden, ob man nur ein Ende liest oder beide. Nach dem sich das Gericht in der Handlung zur Beratung zurück zieht, folgt ein Cut im Buch und man kann sich aussuchen welchen der beiden klar betitelten folgenden Abschnitte man lesen möchte: „Verurteilung“ oder „Freispruch“. Ich persönlich empfehle aber erst das Urteil zu lesen, für das man sich selbst entschieden hat, und dann nach einer Pause auch die entgegengesetzte Urteilsbegründung zu lesen. Damit man aber sein Urteil ordentlich fällen kann, muss man gut genug über alles informiert sein. Genau das schafft Terror. Sowohl die Sprache als auch das gesamte Werk ist kurz dass eine begründete Urteilsfindung möglich ist – ohne das Urteil selbst zu beeinflussen. Als Theaterstück, das auf ca. 90 Minuten ausgelegt ist, kann man Terror gut in einem Durchgang lesen. Am Ende muss man sich entscheiden, zwischen Moral und Prinzip. Man muss sich darüber klar werden, was man selber als gerecht empfindet.

Normalerweise sagt man, dass man sich noch lange nachdem man es beendet hat, mit einem Buch befassen und darüber nachdenken soll. Ferdinand von Schirach hat hier aber einen anderen Weg gewählt: Er zwingt einen als Leser dazu, den Großteil der eigenen inneren Auseinandersetzung mit der Handlung mitten in diese hinein zu ziehen. Man muss sich mit Terror beschäftigen und man muss sich für ein Urteil entscheiden und damit auch eine Seite wählen: Entscheidet man sich für das, was rechtens ist, oder das was man selbst für richtig hält? Ohne diese Entscheidung kann das Buch nicht enden.

Auf das eigentliche Theaterstück folgt, fast schon wie ein Anhang ein zweiter Teil: Eine Rede, die der Autor selbst bei einer Preisverleihung an die von einem Terroranschlag erschütterte Zeitschrift Charlie Hebdo gehalten hat. Sie ist ein stilistisch auf den Punkt gebrachtes, brennendes Plädoyer für die Freiheit von Kunst und Satire und macht dabei klar was diese für uns als Gesellschaft wirklich bedeutet.

Man kann Terror nicht einfach nur lesen. Man muss sich auf dieses Buch einlassen, denn genau das erwartet es von seinen Lesern. Wenn man sich aber offen mit der Thematik auseinandersetzt ist Terror wahrlich meisterhaft erzählt und lässt einen auch nach dem Urteil mit einem Kopf voller Gedanken und Fragen zurück. Diese Fragen hätte man sich wohl selbst, wenn man nicht gerade Rechtswissenschaften studiert, nie gestellt, aber es ist wichtig, sich genau damit auseinanderzusetzen. Unsere demokratische Gesellschaft fußt auf einigen wenigen   unabdingbaren Prinzipien. Doch diese sind abstrakt und in Extremfällen so weit von unserem Alltag entfernt, dass es schwer wird, sich noch daran zu halten. Doch funktionieren kann sie nur, wenn wir diese Prinzipien in allen Fällen höher halten als Emotionen und Bauchgefühl. Terror testet die eigene Bereitschaft dazu und setzt einem die Frage danach in den Kopf, wie eine Gesellschaft aussehen würde, in der alle so handeln, wie man selbst es für gerecht empfindet. Das Ferdinand von Schirach einen genau dazu anregt ist das wahre Geschenk von Terror.

Hinweis für Interessierte: Auf der Internetseite terror.theater werden alle Abstimmungsergebnisse aus den Theateraufführungen des Stückes gesammelt und kommende Aufführungen eingetragen.

Hinweis
Diese Rezension sowie die untenstehende abschließende Bewertung basieren einzig und allein auf Vincents subjektiven, ehrlichen Meinung. Alle angesprochenen Kritikpunkte sowie Verbesserungsvorschläge können nicht auf die allgemeine Leserschaft des Buches bezogen werden.
ECKDATEN ZUM BUCH:

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Quelle: btb Verlag

Erscheinungstermin: 12.09.2016
Seiten: 164
ISBN: 978-3-442-71496-4
Autor: Ferdinand von Schirach
Preis: 10€ (Taschenbuch), 8,99€ (E-Book), 14,99€ (Hörbuch)

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INFORMATIONEN ZUM AUTOR:

Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen „großartigen Erzähler“, die New York Times einen „außergewöhnlichen Stilisten“, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei „eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur“. Die Erzählungsbände Verbrechen, Schuld und Strafe sowie die Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück Terror zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch Kaffee und Zigaretten, das Theaterstück Gott sowie der Band Trotzdem (mit Alexander Kluge). (Quelle: btb Verlag)

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